Kurz gesagt: 7-OH (7-Hydroxymitragynin) ist ein Wirkstoff der Kratom-Pflanze, der im Blatt nur in Spuren vorkommt, aber deutlich stärker an den Opioidrezeptoren wirkt als der Hauptwirkstoff Mitragynin, teils stärker als Morphin. Als „7-OH“ verkaufte Tabletten, Gummis und Shots enthalten ihn konzentriert und haben mit Kratom-Blättern chemisch wenig gemein. US-Giftnotrufzentralen melden steigende Vergiftungen, die FDA-Datenbank Todesfälle. In Deutschland steht 7-OH nicht im Betäubungsmittelgesetz, als Lebensmittel oder Arzneimittel ist es aber nicht zugelassen. In den USA will die Drogenbehörde DEA konzentrierte Produkte frühestens ab dem 13. November 2026 verbieten.
Stand: Oktober 2026. Dieser Artikel ersetzt keine medizinische oder rechtliche Beratung. Die Angaben stammen von Behörden und aus Studien, siehe So arbeiten wir.
Was ist 7-OH?
7-Hydroxymitragynin ist eines von vielen Alkaloiden der Kratom-Pflanze Mitragyna speciosa. Zusammen mit Mitragynin ist es laut der US-Drogenbehörde DEA hauptsächlich für die psychoaktive Wirkung verantwortlich. Es gibt drei Wege, auf denen 7-OH entsteht:
- In der Pflanze: Im getrockneten Blatt macht 7-OH laut FDA weniger als 2 Prozent aller Alkaloide aus, oft nur Spuren.
- Im Körper: Die Leber wandelt einen Teil des aufgenommenen Mitragynins in 7-OH um. Eine Studie mit menschlichen und Mäuse-Leberzellen zeigte, dass dafür die Enzyme der Gruppe CYP3A zuständig sind. Bei Mäusen reichte das so gebildete 7-OH aus, um den größten Teil der schmerzstillenden Opioidwirkung von Mitragynin zu erklären; eine spätere Mäusestudie kam allerdings zum gegenteiligen Ergebnis.
- Im Labor: Laut DEA lässt sich 7-OH in einem einzigen chemischen Schritt aus Mitragynin herstellen. Das Ergebnis ist chemisch identisch mit dem natürlichen Stoff.
Die meisten Produkte, die heute als „7-OH“ verkauft werden, stammen aus dem dritten Weg. Eine Übersichtsarbeit von 2025 nennt sie „angereichert oder halbsynthetisch“, oft als Kratom vermarktet, chemisch aber deutlich verschieden von Blattpulver oder Tee.
Wie stark wirkt 7-OH?
7-OH bindet an den μ-Opioidrezeptor, denselben Rezeptor, an dem Morphin, Heroin oder Fentanyl wirken. Die Übersichtsarbeit von Alsbrook und Kollegen fasst die Pharmakologie so zusammen: 7-OH ist ein partieller Agonist mit sehr hoher Bindung, wirkt stärker als Mitragynin und übertrifft in vielen Untersuchungen die Wirkstärke von Morphin. Die FDA beschreibt 7-OH ebenfalls als Opioid, das stärker als Morphin sein kann.
Bei Kratom-Blättern begrenzt die Natur die Menge: Wer Blattpulver oder Tee nimmt, nimmt nur wenig 7-OH auf, der Rest entsteht langsam in der Leber. Konzentrierte Produkte umgehen diesen Schritt und führen laut der Übersichtsarbeit zu einer deutlich höheren Belastung. Was das für die Wirkung von Kratom insgesamt bedeutet und warum auch Extrakte riskanter sind, steht in den jeweiligen Artikeln.
Kontrollierte Studien am Menschen, die eine sichere Menge belegen könnten, gibt es laut DEA nicht. Deshalb nennt dieser Artikel keine Mengenangaben.
7-OH-Tabletten, Gummis und Shots
Laut DEA werden 7-OH-Produkte in den USA online, in Tankstellen und in Smoke-Shops verkauft, als Pulver, Tabletten, Fruchtgummis und Filmstreifen zum Auflösen unter der Zunge, die besonders schnell wirken sollen. Manche tragen den Hinweis „Research Chemical“, eine bekannte Masche, um Vorschriften zu umgehen. Die DEA sieht darin eine gezielte Abkehr vom traditionellen Blatt-Tee hin zu aromatisierten, hochdosierten Produkten mit schnellem Wirkungseintritt.
Zwei Punkte machen diese Produkte besonders gefährlich:
- Bonbon-Optik: Fruchtgummis und Tabletten mit Geschmack sprechen Kinder und Jugendliche an. Altersgrenzen gibt es in den USA vielerorts nicht, betont die Übersichtsarbeit.
- Unklare Inhalte: Die FDA warnt vor Produkten, deren 7-OH-Gehalt fehlt oder falsch angegeben ist, und vor Produkten, die als gewöhnliches Kratom getarnt sind. Die DEA nennt außerdem Mitragynin-Pseudoindoxyl, einen verwandten halbsynthetischen Stoff, der in Tierversuchen stärker schmerzstillend wirkte als Morphin und zusammen mit 7-OH in Produkten auftaucht.
Vergiftungen und Todesfälle
Die Zahlen stammen aus den USA, weil der Markt für 7-OH-Produkte dort am größten ist und die Behörden ihn genau beobachten:
| Datenquelle | Befund |
|---|---|
| US-Giftnotrufzentralen, 1. Januar bis 31. Juli 2025 | 165 Fälle mit 7-OH. Bei Fällen mit 7-OH allein hatten 35 Prozent ernste gesundheitliche Folgen, 67 Prozent wurden in einer Klinik oder Praxis behandelt. |
| FDA-Meldedatenbank für Nebenwirkungen (FAERS), Stand 27. Februar 2026 | 86 Fälle mit 7-OH, davon 79 als schwerwiegend gemeldet und 9 mit Todesfolge. |
Die gemeldeten Beschwerden reichen laut DEA von Übelkeit und Erbrechen über Unruhe, Verwirrtheit, Bewusstlosigkeit und Krampfanfälle bis zu Herzrasen, Bluthochdruck und Atemnot. Die größte Gefahr ist wie bei allen Opioiden die Atemdepression: Die Atmung wird flach und langsam und kann aussetzen. Zusammen mit Alkohol, anderen Opioiden oder Beruhigungsmitteln steigt dieses Risiko, siehe Wechselwirkungen.
Die Fachgesellschaft der US-Medizintoxikologen (ACMT) hat 2026 eine eigene Stellungnahme zu den Gesundheitsrisiken von 7-OH veröffentlicht. Rechtsmedizinische Untersuchungen haben laut Übersichtsarbeit bei Verstorbenen Konzentrationen gefunden, die zu einer tödlichen Opioidvergiftung passen.
Abhängigkeit und Entzug
In Tierversuchen zeigt 7-OH dieselben Eigenschaften wie klassische Opioide: Toleranz, körperliche Abhängigkeit und Belohnungseffekte, die zu erneutem Konsum treiben. In der FDA-Datenbank betrafen die frühen Meldungen bis Juni 2025 vor allem Abhängigkeit (6 Fälle) und Entzugssyndrom (4 Fälle).
Seit 2025 erscheinen in medizinischen Fachzeitschriften Fallberichte und Fallserien über Menschen mit einer 7-OH-Abhängigkeit. Sie beschreiben steigenden Konsum, Entzüge, die ärztlich begleitet werden mussten, und Behandlungen mit Buprenorphin, einem Medikament, das auch bei Opioidabhängigkeit eingesetzt wird. Ein solcher Entzug gehört in ärztliche Hände.
Wenn du von 7-OH oder Kratom loskommen willst: Wo du Hilfe findest und wie ein Entzug verläuft, steht im Artikel zum Kratom-Entzug. Die Sucht & Drogen Hotline ist täglich von 8 bis 24 Uhr unter 01806 313031 erreichbar.
Ist 7-OH in Deutschland legal?
Kurz: Es ist nicht verboten, aber auch nicht erlaubt im Sinne einer Zulassung.
- Betäubungsmittelgesetz: Weder 7-Hydroxymitragynin noch Mitragynin oder Kratom stehen in den Anlagen I bis III des Betäubungsmittelgesetzes (Stand Oktober 2026). Besitz ist damit nach dem BtMG nicht strafbar.
- Kein Lebensmittel, kein Arzneimittel: Kratom-Produkte sind in Deutschland weder als Lebensmittel noch als Arzneimittel zugelassen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) warnt vor der Anwendung.
- Landesbehörden entscheiden im Einzelfall: Laut BfArM können die Landesbehörden einzelne Produkte als zulassungspflichtiges Arzneimittel einstufen. Dann darf ein Produkt ohne Zulassung nicht mehr verkauft werden. Das BfArM prüft außerdem in einer Expertenkommission, ob Kratom-Produkte als Arzneimittel oder Lebensmittel einzuordnen sind.
- Andere Länder: Laut EU-Drogenagentur sind Kratom, Mitragynin oder 7-Hydroxymitragynin in mindestens zwölf Ländern kontrolliert, darunter Dänemark, Frankreich, Italien, Polen und Schweden. Wer mit Produkten reist oder sie bestellt, kann sich dort strafbar machen.
Eine eigene Bewertung deutscher Behörden speziell zu konzentrierten 7-OH-Produkten haben wir nicht gefunden (Stand Oktober 2026). Mehr zum rechtlichen Rahmen steht im Artikel zur Rechtslage von Kratom.
USA: FDA und DEA gehen gegen 7-OH vor
- Juli 2025: Die FDA empfiehlt, konzentrierte 7-OH-Produkte als Betäubungsmittel einzustufen. Natürliche Kratom-Blätter sind davon ausdrücklich nicht betroffen.
- Juli 2026: Die DEA kündigt an, 7-OH oberhalb einer Grenze vorläufig in Schedule I aufzunehmen, die strengste Kategorie des US-Betäubungsmittelrechts. Mitragynin-Pseudoindoxyl steht seit dem 26. August 2026 vorläufig ohne Grenzwert in Schedule I.
- 14. Oktober 2026: Die DEA ersetzt ihre Ankündigung durch eine neue mit geänderter Grenze. Erfasst sind Produkte mit mehr als 1 Milligramm 7-OH pro Gramm (bei Flüssigkeiten pro Milliliter) oder mit weniger als dem Hundertfachen an Mitragynin im Verhältnis zu 7-OH. Die Anordnung soll frühestens am 13. November 2026 erscheinen und gilt dann zunächst zwei Jahre.
Die DEA betont, dass mit der Grenze nicht festgestellt ist, dass Produkte darunter sicher sind.
Zeigt ein Drogentest 7-OH an?
Normale Drogenschnelltests suchen nach Opiaten, Cannabis, Kokain oder Amphetaminen. 7-OH wirkt zwar an den Opioidrezeptoren, gehört chemisch aber nicht zu den Opiaten und wird deshalb nicht erkannt. Labore können es gezielt nachweisen: Ein 2012 veröffentlichtes Verfahren misst im Urin neben Mitragynin auch 7-Hydroxymitragynin. Ob ein Test 7-OH erfasst, hängt also davon ab, was das Labor sucht. Details im Artikel zum Kratom-Drogentest.
Notfall
Sehr langsame oder aussetzende Atmung, bläuliche Lippen, Bewusstlosigkeit oder ein Krampfanfall nach 7-OH: sofort den Notruf 112 wählen und dem Rettungsdienst sagen, dass 7-OH oder Kratom genommen wurde, zusammen mit allen anderen Substanzen. Weil Schnelltests 7-OH nicht zeigen, ist diese Information für die Behandlung wichtig.
Quellen
Stand: Oktober 2026. Alle Seiten zuletzt abgerufen im Oktober 2026.
- U.S. Drug Enforcement Administration: Temporary Placement of 7-Hydroxymitragynine and Mitragynine Pseudoindoxyl Above a Specified Threshold in Schedule I. Federal Register, 14. Oktober 2026 (Herkunft, Produkte, Giftnotruf- und FAERS-Daten, Schwelle, Zeitplan)
- U.S. Food and Drug Administration: FDA and Kratom (7-OH unter 2 % der Alkaloide, Wirkstärke)
- U.S. Food and Drug Administration: FDA Takes Steps to Restrict 7-OH Opioid Products (29. Juli 2025)
- U.S. Food and Drug Administration: Hiding in Plain Sight: 7-OH Products (falsch deklarierte Produkte)
- Alsbrook S, Pro G, Koturbash I: From kratom to 7-hydroxymitragynine: evolution of a natural remedy into a public-health threat. Pharm Biol 2025
- Kruegel AC et al.: 7-Hydroxymitragynine Is an Active Metabolite of Mitragynine and a Key Mediator of Its Analgesic Effects. ACS Cent Sci 2019
- Moss MJ et al.: ACMT Position Statement: Public Health Risks of 7-Hydroxymitragynine and Other Kratom-Associated Compounds. J Med Toxicol 2026
- Held JT et al.: 7-Hydroxymitragynine Withdrawal Treated With Buprenorphine-Naloxone. Prim Care Companion CNS Disord 2026
- Fenske E et al.: Buprenorphine for the Management of 7-Hydroxymitragynine (7-OH) Use: A Retrospective Case Series. J Addict Med 2026
- Berthold EC et al.: The Lack of Contribution of 7-Hydroxymitragynine to the Antinociceptive Effects of Mitragynine in Mice. Drug Metab Dispos 2022
- Le D et al.: Analysis of mitragynine and metabolites in human urine for detecting the use of the psychoactive plant kratom. J Anal Toxicol 2012
- Gesetze im Internet: Betäubungsmittelgesetz, Anlagen I–III (kein Eintrag zu Kratom, Mitragynin oder 7-Hydroxymitragynin)
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: BfArM warnt vor der Anwendung von Kratom. Pressemitteilung 09/25 vom 1. Juli 2025 (Zulassung, Landesbehörden, Expertenkommission)
- Europäische Drogenagentur (EUDA): Kratom drug profile (Kontrolle in europäischen Ländern)
- Sucht & Drogen Hotline (01806 313031)



